Vitaris News Pharmaindustrie M. Kovacevic: Laborbau ist Entscheidungsarbeit

M. Kovacevic: Laborbau ist Entscheidungsarbeit

Geschrieben von Patrik Betschon • Publiziert am 19. Mai 2026

Fehlannahmen und Lücken in der Konzeptphase und vier Kernelemente für erfolgreiche Laborbauprojekte

Laborbauprojekte scheitern selten an der Ausführung. Die Ursachen liegen fast immer früher, beispielsweise durch unklare Anforderungen, fehlende Abstimmung zwischen Betrieb, Planung und Technik oder falsche Annahmen über Prozesse. Mladen Kovacevic, Gründer & Geschäftsführer von K-oncept Engineering GmbH und Autor dieses Beitrags begleitet Projekte von der frühen Konzeptphase bis zur Umsetzung und sieht wiederkehrende Muster, die über Erfolg oder Misserfolg entscheiden.  

VITARIS arbeitet als Partner von Laborplanern seit vielen Jahren genau an dieser Schnittstelle und erlebt, wie getroffene Entscheidungen spätere Planung, Ausstattung und Betrieb beeinflussen. Der Beitrag greift diese Erfahrungen auf und ordnet sie strukturiert ein. Ziel ist es, Planern, Bauherren und Betreibern eine gemeinsame Grundlage für belastbare Entscheidungen zu geben.

1. Das eigentliche Problem entsteht vor der Umsetzung 

Warum Projekte nicht dort scheitern, wo es sichtbar wird 
Wenn ein Laborprojekt scheitert oder aus dem Ruder läuft, richtet sich der Blick fast immer auf die Umsetzung. Die Baustelle, die Ausführung, die Lieferanten. Die eigentliche Ursache liegt jedoch früher. Projekte scheitern selten in der Umsetzung. Sie scheitern an Entscheidungen, die Monate zuvor getroffen wurden oder an Entscheidungen, die nie getroffen wurden. 

Phasen, Entscheidungspunkte und der Ort des Fehlers 
Um zu verstehen, wo der Fehler entsteht, hilft ein klares Bild des Projektablaufs. Ein Laborbauprojekt durchläuft typischerweise folgende Phasen: 

  • Feasibility / Concept 
  • Basic Design 
  • Detail Design 
  • Execution 
  • Commissioning & Qualification 
  • Handover 

Zwischen diesen Phasen liegen Entscheidungspunkte sogenannte Stage Gates oder Go/No-Go-Entscheidungen. Hier wird bewertet, ob die Grundlagen für die nächste Phase ausreichend sind. Wer diese Punkte nicht konsequent nutzt, trägt Unklarheiten in jede folgende Phase weiter. Ein kleiner Fehler in der Konzeptphase setzt sich fort über Planung, Design und Realisierung. Was am Anfang unklar ist, wird im Projektverlauf zum strukturellen Problem. Die Korrektur wird mit jeder Phase aufwendiger und teurer. 

Die Kosten von Fehlern steigen exponentiell 
Eine bewährte Faustformel aus der Ingenieurpraxis beschreibt diesen Zusammenhang präzise: Ein Fehler, der in der Konzeptphase 1 Einheit kostet, kostet in der Planungsphase bereits 10 und in der Realisierung 100. Diese 1-10-100-Regel ist kein theoretisches Modell, sondern gelebte Projektrealität. Gerade im Laborumfeld verstärkt sich dieser Effekt. Projekte sind technisch komplex, stark reguliert und eng verzahnt. Änderungen wirken sich sofort auf mehrere Systeme aus und müssen gleichzeitig regulatorisch nachvollziehbar bleiben.

2. Die Konzeptphase entscheidet über Erfolg oder Scheitern 

Was eine gute Konzeptphase leistet 

Der kritischste Punkt im Projekt ist die Konzeptphase. Hier werden Ziele, Nutzen und Rahmenbedingungen definiert. Wer diesen Schritt ernst nimmt, legt das Fundament für ein stabiles Projekt. Eine fundierte Konzeptphase liefert konkret: 

  • Bedarfsanalyse und Nutzerprofil: Wer arbeitet im Labor, mit welchen Stoffen, in welchen Prozessen? 
  • Machbarkeitsprüfung: Ist das Vorhaben technisch, regulatorisch und wirtschaftlich realisierbar? 
  • Risikoabschätzung: Welche Unsicherheiten bestehen und wie werden sie bewertet? 
  • Budgetrahmen und Kosten-Nutzen-Betrachtung: Welche Investition ist gerechtfertigt? 
  • Variantenvergleich: Mindestens zwei bis drei Lösungsansätze werden gegenübergestellt und bewertet. 
  • Entscheidungsgrundlage für das Management: Klar strukturierte Unterlagen, die eine fundierte Go/No-Go-Entscheidung ermöglichen. 

Typische Fehler mit langfristigen Folgen 
Typische Fehler sind klar erkennbar. Ziele sind unpräzise formuliert. Der Nutzen bleibt vage. Wichtige Stakeholder werden zu spät eingebunden. Der Projektumfang ist nicht sauber abgegrenzt. Zeit- und Kostenannahmen sind zu optimistisch. Abhängigkeiten zwischen Systemen werden unterschätzt. Diese Fehler bleiben zunächst unsichtbar. In der Umsetzung treten sie als Symptome auf. Änderungen häufen sich, Abstimmungen werden komplexer und das Projekt wechselt in einen reaktiven Modus. Was wie ein Problem der Ausführung wirkt, ist in Wirklichkeit ein Planungsfehler. 

Stakeholder-Management: Wer muss wann eingebunden sein? 
Ein häufig unterschätzter Aspekt der Konzeptphase ist die frühe Einbindung aller relevanten Anspruchsgruppen. Im Laborbau gehören dazu typischerweise: 

  • Nutzer: Wissenschaftler, Laboranten, Techniker; Sie kennen die tatsächlichen Arbeitsabläufe. 
  • Betrieb: Gebäudemanagement, HSE (Health, Safety & Environment); Sie verantworten den späteren Betrieb. 
  • Qualitätssicherung; Sie definieren die Compliance-Anforderungen. 
  • IT – für Datensysteme, Labordatenmanagementsysteme (LIMS) und Netzwerkinfrastruktur. 
  • Einkauf für strategische Beschaffung und Lieferantenbeziehungen. 
  • Projektträger und Sponsor für Budgetfreigabe und strategische Ausrichtung. 

Werkzeuge wie eine RACI-Matrix (Responsible, Accountable, Consulted, Informed) oder eine Stakeholder-Map helfen dabei, Verantwortlichkeiten transparent zu machen. Strukturierte Anforderungsworkshops stellen sicher, dass alle relevanten Anforderungen erfasst werden, bevor die Planung beginnt. .

3. Komplexität im Laborbau verstärkt jeden Fehler 

Regulatorik, Technik und Schnittstellen als Risikotreiber 
Laborprojekte in der Pharmaindustrie unterliegen klaren Belastungsfaktoren. Regulatorische Anforderungen erzeugen hohen Dokumentationsaufwand. Qualifizierung und Validierung decken Planungsfehler konsequent auf. Viele Schnittstellen zwischen Gewerken erhöhen die Abstimmungsintensität. Reinraumtechnik lässt kaum Spielraum für nachträgliche Anpassungen. Gleichzeitig besteht Zeitdruck durch interne und externe Zielvorgaben. 

Laborspezifische Planungsthemen der Konzeptphase 
Im Laborbau müssen bereits in der Konzeptphase eine Reihe von Themen verbindlich behandelt werden, die in anderen Bauprojekten erst später relevant werden: 

  • Laborklassen und Sicherheitsstufen: Biosicherheitsstufen BSL-1 bis BSL-4 definieren Schutzanforderungen für Gebäude, Technik und Betrieb. 
  • Medienversorgung: Druckluft, technische Gase, Vakuum, Reinstwasser (PW, WFI) – Art, Qualität und Verteilung müssen früh festgelegt werden. 
  • Lüftungskonzept: Ab- und Zuluftmengen, Druckverhältnisse zwischen Räumen, Wärmerückgewinnung; Dies beeinflusst Baukörper und Gebäudetechnik grundlegend. 
  • Energiebedarf und Nachhaltigkeit: Labore sind energieintensiv. Nachhaltigkeitsziele müssen von Anfang an in die Konzeption einfliessen. 
  • Flächeneffizienz und Raumzonierung: Welche Bereiche sind für welche Tätigkeiten vorgesehen? Wie werden Sauber- und Schmutzseiten getrennt? 
  • Verkehrsströme: Material, Personal und Abfall folgen im regulierten Labor definierten Wegen. Diese müssen konzeptionell geplant sein. 
  • Zukunftsflexibilität: Können Räume bei veränderten Anforderungen umgenutzt oder erweitert werden? 

Die User Requirements Specification als zentrales Steuerungsdokument 
Ein zentrales Element ist die User Requirements Specification (URS). Sie definiert alle funktionalen und technischen Anforderungen und bildet die Grundlage für Design, Bau und Qualifizierung. Unklare Anforderungen führen zwangsläufig zu unklaren Ergebnissen. 

Eine vollständige URS enthält: 

  • Funktionale Anforderungen: Was soll das System oder der Raum leisten? 
  • Leistungsanforderungen: Welche messbaren Grössen müssen erfüllt sein? 
  • Compliance-Anforderungen: Welche regulatorischen Vorgaben gelten (GMP, GAMP 5, FDA 21 CFR Part 11)? 
  • Schnittstellen: Zu welchen anderen Systemen, Räumen oder Prozessen bestehen Abhängigkeiten? 

Die URS wird durch den Process Owner verfasst und durch die Qualitätssicherung freigegeben. Sie dient im gesamten V-Modell-Qualifizierungsprozess – von der Design Qualification (DQ) über Installation Qualification (IQ) und Operational Qualification (OQ) bis zur Performance Qualification (PQ) als Referenzdokument.

Typische Schwachstellen in der URS-Erstellung: Anforderungen sind zu allgemein formuliert, nicht verifizierbar oder zu technisch ohne Nutzerbezug. Auch fehlende Verantwortlichkeiten bei der Erstellung sind ein häufiges Problem. Der Unterschied zwischen stabilen und instabilen Projekten liegt nicht in der Umsetzung, sondern in der Qualität dieser frühen Festlegungen. 

4. Der Hebel liegt am Anfang 

Projektstruktur und die Frage: Wer plant was? 
Die entscheidende Frage ist nicht, ob ein Projekt sauber umgesetzt wird. Die entscheidende Frage ist, ob es sauber gedacht wurde. Wer diese Frage beantworten will, muss verstehen, wie ein Laborbauprojekt typischerweise organisiert ist und welche Rollen dabei eine Rolle spielen: 

  • Bauherrenvertretung: Vertritt die Interessen des Eigentümers oder Nutzers gegenüber allen Planern und Unternehmern. 
  • Generalplaner oder Gesamtleiter: Koordiniert alle Fachplaner unter einem Dach – sinnvoll bei komplexen Projekten. 
  • Fachplaner: Spezialisierte Ingenieurbüros für HLKS (Heizung, Lüftung, Klima, Sanitär), Elektrotechnik, Reinraumtechnik, Brandschutz, Laborsicherheit. 
  • Spezialisierter Laborbau-Berater: Unterstützt früh in der Konzept- und Planungsphase mit Fachkenntnis für regulatorische, technische und betriebliche Anforderungen. 

Besonders die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt für externen Sachverstand ist entscheidend. Wer erst dann einen spezialisierten Berater hinzuzieht, wenn Probleme sichtbar werden, zahlt doppelt. 

Was Entscheider konkret tun sollten 
Wer erst in der Umsetzung beginnt, Probleme zu lösen, arbeitet zu spät und zu teuer. Die grössten Hebel liegen in der Konzeptphase. Dort entstehen Klarheit, Struktur und belastbare Entscheidungen. Fünf Fragen, die in jeder Konzeptphase eines Laborprojekts beantwortet sein müssen: 

  • Sind die Projektziele präzise formuliert und durch alle Anspruchsgruppen bestätigt? 
  • Ist die URS vollständig, verifizierbar und durch QA freigegeben? 
  • Wurden alle relevanten Stakeholder eingebunden? 
  • Ist der Projektscope klar abgegrenzt und durch ein Go/No-Go-Verfahren bestätigt? 
  • Wurden mindestens zwei Lösungsvarianten ausgearbeitet und gegenübergestellt? 

Wenn Sie ein Laborprojekt planen oder ein laufendes Projekt hinterfragen, setzen Sie genau hier an. Prüfen Sie Ziele, Nutzen, Scope und Abhängigkeiten. Hinterfragen Sie Annahmen, bevor sie sich im Projekt verfestigen. 

Fazit

Laborprojekte scheitern nicht auf der Baustelle. Sie scheitern in der Konzeptphase durch ungeklärte Anforderungen, fehlende Entscheidungsgrundlagen und zu spät eingebundene Fachleute. Das ist keine Ausnahme. Das ist die Regel.

Wer ein Laborprojekt professionell aufsetzen will, braucht von Anfang an die richtigen Grundlagen: eine belastbare URS, ein durchdachtes Konzept, klare Rollen und einen Projektpartner, der den gesamten Weg kennt von der ersten Idee bis zur abgeschlossenen Qualifizierung. Der Unterschied zwischen einem stabilen und einem instabilen Projekt liegt nicht im Budget und nicht im Zeitplan. Er liegt in der Qualität der Entscheidungen, die früh getroffen oder versäumt werden.

Gast-Autor: Mladen Kovacevic – Gründer & Geschäftsführer, K-oncept Engineering GmbH

  • Gründete K-oncept Engineering GmbH 2024 als unabhängiges Engineering-Büro für die Pharmaindustrie
  • Pharmatechnologe mit über 11 Jahren Projekterfahrung in der pharmazeutischen Industrie
  • Spezialist für die Planung von Wasseranlagen und Versorgungssystemen in der Pharmaindustrie
  • Erfahrener Projektmanager für komplexe Engineering-Projekte im GMP-Umfeld
  • Planung und Konzeption von Laborinfrastrukturen für Life-Science-Unternehmen

Über K-oncept Engineering GmbH

K-oncept Engineering verfügt über umfassende Expertise in verschiedenen Bereichen der Pharmaindustrie, die für den Erfolg Ihrer Projekte entscheidend sind:

  1. Projektmanagement
  2. Gebäudetechnik & Medienversorgung
  3. C&QV Aktivitäten
  4. Prozessoptimierung

Autor

Patrik Betschon

Nach seinem erfolgreichen Abschluss als Eidg. Dipl. Ing. Biotechnologe HTL im Jahr 1998 sammelte Patrik Betschon mehrere Jahre Erfahrung in der MedTech-Branche, bevor er 2004 zu VITARIS wechselte. Seine Karriere begann dort als Account Manager, bevor er 2009 ins Produktmanagement wechselte und die Position des Senior Product Managers übernahm. 2022 wurde er zum Head of Product Management ernannt. Seit 2023 verantwortet er gemeinsam mit Dawn Ray und Daniel Broglie als Mitglied der Geschäftsleitung die strategische und operative Führung von VITARIS.

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