Vitaris News Innovation Corner Startup SALLEA bringt Struktur in kultiviertes Fleisch

Startup SALLEA bringt Struktur in kultiviertes Fleisch

Geschrieben von Marvin Werthmueller • Publiziert am 21. August 2025

In unserer neuen Artikelkategorie “Innovation Corner” stellen wir visionäre Startups vor, die mit innovativen Ideen den Markt bereichern. Dieses Mal werfen wir einen Blick auf die Firma SALLEA. Das Startup wurde im November 2023 gegründet und hat den Sitz auf dem ETH-Campus Hönggerberg in Zürich. Das junge Unternehmen beschäftigt derzeit rund acht Mitarbeitende. Der Fokus von SALLEA liegt auf der Entwicklung und Herstellung essbarer, hochporöser 3D‑Zellkulturgerüsten – sogenannter Scaffolds.

Die Scaffolds von SALLEA bestehen aus pflanzenbasierten Proteinen wie Soja, Erbsen oder Linsen. Diese Gerüste ermöglichen die Kultivierung von ganzen Stücken Fleisch oder Fisch („Whole Cuts“) in Bioreaktoren und adressieren damit eine zentrale Herausforderung der zellbasierten Lebensmittelproduktion. Finanziell steht das Start-up auf einer soliden Basis: Eine Pre-Seed-Runde in Höhe von CHF 2.2 Millionen, unterstützt von Founderful und Kost Capital – sowie zusätzliche CHF 1.8 Millionen an nicht-verwässernden Fördermitteln sichern die nächsten Schritte der Produktentwicklung. Ein erstes funktionsfähiges MVP essbarer Scaffolds wurde bereits realisiert und Pilotprojekte mit Industriepartnern sind im Gange.

VITARIS freut sich, das Startup unserer Leserschaft und Kundschaft vorzustellen. Wir hatten die Gelegenheit, das Gründertrio kennenzulernen, ihren Standort zu besuchen und ein Interview zu führen. Mit diesem Beitrag und weiteren Initiativen unterstützen wir das Startup – denn Innovationen verdienen es, gehört zu werden.

Interview mit Nicole Kleger und Anna Bünter aus dem Gründerteam

Von links nach rechts: P. Betschon (VITARIS), N. Kleger (Mitgründerin SALLEA), A. Bünter (Mitgründerin SALLEA)

Was genau macht SALLEA – wie würden Sie Ihr Unternehmen in wenigen Sätzen beschreiben?

Anna Bünter: Wir entwickeln essbare, pflanzenbasierte Gerüste – sogenannte Scaffolds – die speziell für die Herstellung von kultiviertem Fleisch und Fisch gedacht sind. Unsere Technologie ermöglicht es Produzenten, strukturierte Produkte wie Steaks oder Filets in Bioreaktoren herzustellen. Damit möchten wir einen Beitrag zu einer nachhaltigeren Lebensmittelproduktion leisten.

Wie und wann entstand die Idee zu SALLEA? Gab es einen bestimmten Auslöser oder Aha-Moment?

Nicole Kleger: Die Idee entstand während meiner Doktorarbeit an der ETH Zürich. Ich habe an einem Verfahren gearbeitet, mit dem man poröse Strukturen über wasserlösliche Salzformen herstellen kann – ursprünglich für Anwendungen in der Medizintechnik. Irgendwann wurde mir klar, dass diese Methode auch für 3D Zellkulturen in andere Anwendungen spannend sein könnte, wie zum Beispiel in Life Sciences oder im Bereich der zellulären Landwirtschaft. Als wir dann im Team das Potenzial der Scaffolds für die Kultivierung von Fleisch erkannt haben und auch das öffentliche Interesse an diesen neuen Lebensmitteln immer stärker wurde, war der Moment gekommen, daraus ein Unternehmen zu machen.

Wie hat sich das Gründerteam zusammengefunden?

Nicole Kleger: Wir drei Gründerinnen kannten uns bereits aus der Uni bzw. sogar bereits aus dem Gymansium. Jede von uns bringt eine andere Stärke mit. Ich bin verantwortlich für den technologischen Teil und leite die Entwicklung, Simona kümmert sich als CEO um die strategische Ausrichtung und Finanzierung und Anna bringt ihre Erfahrung aus der Unternehmensberatung ein, vor allem im operativen Aufbau und bei der Kommerzialisierung. Die Rollen sind klar verteilt, aber wir arbeiten sehr eng zusammen.

Was hat Sie auf dem Weg zur Gründung am meisten überrascht – positiv wie negativ?

Anna Bünter: Positiv überrascht hat uns, wie offen das Schweizer Startup-Ökosystem ist. Wir haben tolle Unterstützung durch Programme wie Venture Kick erhalten, aber auch von Investoren, die an unser Konzept und uns als Team glauben. Herausfordernd waren auf der anderen Seite die regulatorischen Rahmenbedingungen. Es braucht viel Geduld, um sich im Bereich kultivierter Lebensmittel zurechtzufinden, gerade was Zulassungen und Lebensmittelsicherheit betrifft.

Welche Problemstellung adressieren Sie mit Ihrer Lösung konkret?

Nicole Kleger: Eine der Hauptherausforderungen in der zellbasierten Fleischproduktion ist, dass die meisten Produkte bislang nur in Form von Hackfleisch oder dünnen Schichten produziert werden können. Was fehlt, sind strukturierte Stücke wie Steaks oder Filets und grosse Volumen an Endprodukten. Mit unseren Scaffolds schaffen wir ein texturiertes Gerüst, auf dem sich Zellen organisieren können. Dabei entsteht eine natur-nahe Struktur. Die grosse Oberfläche der Gerüststrukturen erlauben es zudem, grössere Mengen an Zellen wachsen zu lassen. Das ist für viele Hersteller ein echter Gamechanger.

Für welche Zielgruppen oder Anwendungsbereiche ist Ihr Produkt am besten geeignet?

Anna Bünter: Denkbar ist unsere Technologie aber auch in anderen Bereichen, etwa in  der Medizintechnik. Trotzdem konzentrieren wir uns aktuell auf die Lebensmittelbranche.

Aus welchem Material kann Scaffold-Gerüst theoretisch aufgebaut sein?

© DWF (Daniel Winkler Fotografie)

Nicole Kleger: Theoretisch gibt es eine breite Palette an Materialien – von pflanzlichen Proteinen über Cellulose bis hin zu synthetischen Polymeren oder sogar Leichtmetallen. Wichtig für Anwendungen in der zellulären Landwirtschaft ist aber, dass das Material lebensmitteltauglich ist, essbar und gut mit Zellkulturen harmoniert. Es geht nicht nur um die Geometrie, sondern auch um Nährstofftransport und Biokompatibilität.

Welche Materialien kommen derzeit oder potenziell beim Scaffold-Gerüst zum Einsatz? Warum diese?

Nicole Kleger: Aktuell arbeiten wir hauptsächlich mit pflanzlichen Proteinen. Diese sind essbar, gut verträglich, regulatorisch akzeptiert und lassen sich gut zu porösen Strukturen verarbeiten. Sie passen zu unserem Ziel, eine rein pflanzliche, skalierbare Lösung für die Lebensmittelindustrie zu bieten.

Wie komplex ist die Anwendung Ihres Produkts – muss der Kunde etwas Besonderes beachten?

© DWF (Daniel Winkler Fotografie)
Von links nach rechts: P. Betschon (VITARIS), N. Kleger (Mitgründerin SALLEA)

Anna Bünter: Unsere Scaffolds sind so konzipiert, dass sie sich möglichst einfach in bestehende Bioreaktoren integrieren lassen. Uns ist wichtig, dass die Anwendung für den Kunden unkompliziert ist. Natürlich gibt es Anpassungen je nach Zelltyp und gewünschtem Endprodukt, aber wir begleiten unsere Partner eng dabei.

Gibt es die Möglichkeit kundenspezifischer Anpassungen oder arbeiten Sie ausschliesslich mit Standardlösungen?

Nicole Kleger: Wir bieten ganz bewusst keine Standardlösungen an. Unsere Scaffolds lassen sich in Form, Struktur, Textur und sogar inhaltlich auf den Kunden zuschneiden. Jede Zelllinie und jedes Produkt brauchen eine andere Architektur – das berücksichtigen wir von Anfang an und entwickeln gemeinsam die optimale Lösung.

Wie sieht Ihr aktueller Marktzugang aus – arbeiten Sie schon mit ersten Kunden oder Pilotprojekten?

Anna Bünter: Ja, wir arbeiten bereits mit ersten Partnern in Pilotprojekten zusammen. Wir haben ein funktionierendes MVP, das wir aktuell in Zusammenarbeit mit Kunden weiterentwickeln. Wir freuen uns insbesondre bekanntzugeben, dass wir im September mit den ersten offiziellen Produkten auf den Markt gehen.

Welche Herausforderungen begegnen Ihnen aktuell im Markt – technologisch, regulatorisch oder kommerziell?

Nicole Kleger: Technologisch ist die grösste Herausforderung, die perfekte Balance zwischen Porosität, Stabilität und Zellkompatibilität zu finden. Regulatorisch bewegen wir uns in einem noch relativ neuen Feld. Vieles ist noch in Bewegung, besonders in Europa. Kommerziell ist der Preisdruck eine Herausforderung, denn wir müssen zeigen, dass unsere Lösung nicht nur funktioniert, sondern auch wirtschaftlich sinnvoll ist.

Was sind die nächsten grossen Meilensteine für SALLEA – worauf dürfen wir gespannt sein?

© DWF (Daniel Winkler Fotografie)

Anna Bünter: In den nächsten Monaten werden wir unsere Pilotprojekte weiter ausbauen, unsere Produktionsprozesse optimieren und neue Teammitglieder an Bord holen.

Was würden Sie anderen Gründerinnen und Gründern aus Ihrer Erfahrung heraus mit auf den Weg geben?

Nicole Kleger: Man sollte mutig sein und auf die eigene Intuition vertrauen – gerade in Bereichen, in denen man unterrepräsentiert ist. Für uns als Gründerinnen war und ist es wichtig, unsere eigene Sichtweise einzubringen und nicht nach klassischen Erwartungen zu handeln. Ein starkes Team, das sich ergänzt und unterstützt, ist ausserdem Gold wert.

Wenn Sie fünf Jahre in die Zukunft schauen – wo steht SALLEA dann idealerweise?

Anna Bünter: Unser Ziel ist es in fünf Jahren einer der führenden Anbieter skalierter Kultivierungslösungen für texturierte Produkte zu sein, sowie den globalen Standard für Scaffolding zu setzen.

Erhältliche Sample Kits

SALLEA startet vor der ILMAC 2025 mit dem ersten offiziellen Produktangebot. Über die Webseite werden Scaffold Test Kits erhältlich sein für Zell- und Materialtests.

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Autor

Marvin Werthmueller

Seit 2024 engagiert sich Marvin als Mitglied des Beirats der ILMAC – der führenden Fachmesse für Life Sciences und Chemie in der Schweiz – und baut sein Netzwerk in der Branche kontinuierlich aus. Innerhalb der Vitaris AG unterstützt er aus der Chromos Group AG heraus die strategische Geschäftsentwicklung als Business Development Manager. Darüber hinaus verantwortet er als Head of Operations zahlreiche operative Kernprozesse und trägt dabei massgeblich zur Weiterentwicklung der Organisation bei. Mit seinem breiten Erfahrungsschatz aus verschiedensten Industrien bringt Marvin insbesondere eine ausgeprägte kommerzielle Perspektive in seine Aufgaben ein.

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